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Der längste Ultra meines Lebens… Transvulcania 2015

Zwei Stunden vor dem Start stehe ich mit fast 2000 anderen Ultras am Start des Transvulcania 2015. Über 73 km und 4400 Höhenmeter wollen wir pünktlich um 6 Uhr früh in Angriff nehmen. Die Stimmung ist einfach verrückt. Vor allem die Spanier sind aufgeregt wie die kleinen Kinder.

Am Start des Transvulcania

Am Start des Transvulcania

Doch auch mich packt die Gänsehaut als es endlich los geht. Schon die letzten Tage war die Aufregung deutlich zu spüren. Immerhin war Gelegenheit zumindest einen Teil der Strecke zu besichtigen. Mein erster Eindruck, dieser Trail ist einfach unfassbar schön. Und jetzt stehe ich hier inmitten dieses verrückten Haufens. Mir geht so vieles durch den Kopf. Die ganze Vorbereitung. Hatte ich genug gefrühstückt? Gels waren genügend eingepackt. Kann ich mich am Start zurückhalten…auf keinen Fall zu schnell beginnen. Endlich ist es soweit. Die Meute setzt sich mit Johlen in Bewegung. Schnell wird es eng…doch ich bin weit genug vorne um nicht im Stau zu stehen. Das Tempo ist gerade richtig. Tiefer Sand begleitet uns. Jemand hat mir gesagt, es würde nichts bringen außen zu überholen. Ich probiere es trotzdem als wieder mal alles zum Stillstand kommt. Überraschender Weise ist es aber fester dort, nur auf die Steine muss man achten, damit es nicht zum Sturz kommt. Schnell vergeht die Zeit und schon ist die erste Verpflegung in der Dunkelheit in Sicht…. eine Stunde ist wie im Flug vergangen. Das anfänglich gemütliche Tempo fühlt sich inzwischen nicht mehr ganz so langsam an. Hab nicht das Gefühl als könne ich noch schneller. Doch während ich mich mit den Stöcken nach oben schiebe, immer auf der Suche nach etwas festerem Grund, geht es mir gut. Bin richtig euphorisch als endlich die Sonne aufgehttransvulcania2015-866_20 und mir die Schönheit der Landschaft ins Auge sticht. Immer wieder muss ich mich zwingen zu trinken auch ein Gel zu mir zu nehmen.

Als ich dann endlich den höchsten Punkt erreicht habe, wird mir bewusst dass ich mich inzwischen wohl weit nach vorne gekämpft habe. Denn beim anschließenden Downhill schießen viele von ihnen wieder an mir vorbei. Trotzdem macht es mir Spaß über den tiefen Sand weich nach unten zu fliegen. Und schon nach 3:23 h komme ich beim Start des Marathons in El Pilar durch.transvulcania2015-866_40 Viele Zuschauer feuern mich an…. nur kurz hält mich die Verpflegung davon ab, keine weiteren Plätze zu verlieren. Nur zwei Becher Wasser und weiter gehts… ein Gel gabs schon kurz davor. Erst jetzt bemerke ich, dass die Sonne schon mächtig Gas gibt und ich instinktiv den Schatten suche. Gerade kommt mir Anna Frost die Siegerin des letzten Jahres entgegen. Ein kurzer Gruß…sie hat wohl ihre Teamkollegin Emelie Forsberg betreut, die dieses Jahr gewinnen sollte. Kurze Zeit später überholen mich in hohem Tempo Läufer… erst als es immer mehr werden, wird mir klar dass ich wohl noch vor dem Start der Marathonläufer durch El Pilar gelaufen war. Mich macht das jetzt völlig verrückt, denn ich lasse mich dadurch ziemlich irritieren und ließ mich irgendwie mitreißen. Denn als ich später auf mein Handy schaue, teilt mir meine Freundin mit, dass ich viele Plätze gut gemacht habe und auch an erster Stelle in meiner Klasse sei. Ein großer Fehler wie sich bald herausstellen sollte. Dass ich dabei einen Stein übersehe und unvermittelt im trockenen Staub lag war nur eine kleine Randerscheinung. Weiter Fehler sollten folgen. Schon jetzt war mir so heiß, dass ich an Essen überhaupt nicht denke konnte. Dann kam der Abschnitt auf dem 13 km keine Verpflegung kommen sollte. Mir war es gar nicht richtig bewusst, denn ich fühlte mich gut. Doch nach 6 Stunden Laufzeit wurde mir klar… viel zu wenig getrunken. Als dann endlich das rettende Zelt in Sicht kam, war die Gier nach einem kalten Getränk riesengroß. Drei Becher eisgekühltes Cola sollten es sein…. die Verlockung hat mir das Hirn vernebelt. Kein Gedanke daran, dass das nicht gut sein könnte. Kurz darauf hat es mir den Stecker gezogen. Keine Kraft mehr in den Beinen und der höchste Punkt der Roque de la Muchachos bei Km 51 war noch nicht erreicht.transvulcania2015-866_60 Doch ich denke mir nichts dabei, denn bald geht es bergab und ein wenig kämpfen ist beim Ultra nichts besonderes. Auf den nächsten 7 km verliere ich ein paar Plätze. Bin aber immer noch gut unterwegs. Alles deutet daraufhin, dass ich mein Ziel eine Zeit zwischen 10 und 11 Stunden erreichen kann. Nach genau 8 Stunden war es so weit. Höchster Punkt erreicht, völlig am Ende und wieder die gleiche Prozedur. Als erstes den Colastand angesteuert. Ein paar Rosinen dazu und weiter…. doch viel ging nicht mehr….selbst flache Abschnitte nur im Gehschritt. Gut den Anderen gings nicht anders. Doch immer mehr musste ich Läufer für Läufer an mir vorbeiziehen lassen. Obwohl es jetzt abwärts ging war es mehr ein Wanken als Gehen….und fast besinnungslos kam ich am VP El Time bei Km 62 an.

Da ich nicht mehr stehen konnte begab ich mich ins Erste Hilfe Zelt um auf einen Stuhl zu sitzen. Die Rennärztin schüttelte nur den Kopf und wollte mich nicht mehr weiterlaufen lassen. Kurz bevor ich das Zelt erreicht übergab ich mich mehrmals. Das ganze Cola war vom Magen nicht weitergeleitet worden. Kein Wunder dass die Kraft aus ging. Hinter her wurde mir klar, dass ich völlig konzeptlos gehandelt hatte. Viel zu wenig Gedanken darüber wie ich mich während dem Rennen verhalten soll. Tja, doch jetzt war es nicht mehr zu ändern. Auf keinen Fall sollte hier das Rennen zu Ende sein. Es waren doch nur noch wenige Kilometer ins Ziel. Das konnte ich doch wandern. Nach zwanzig Minuten bekam ich das Ok dafür. Doch es sollte noch ein langer Weg werden. Obwohl es ab jetzt immer nur bergab ging, überholten mich nun richtig viele Leute. Allein in dem Abschnitt bis zum Meer waren es 136 Ultras auf nur knapp über 6 Kilometer… verrückt ich bekam gar nicht mehr mit wie die Zeit verging. Auch die beeindruckende Aussicht war mir ziemlich egal. Hauptsache vorwärts. Ein netter Anwohner drückte mir eine Dose Bier in die Hand. Das war vielleicht geil. Und tatsächlich kam ich danach auch wieder etwas ins Laufen. Endlich unten angekommen war die Freude unendlich groß. Nicht mehr ganz 5 km bis ins Ziel, es hatte sich also doch gelohnt nicht auszusteigen.  Auch wenn an eine gute Zeit nicht mehr zu denken war.transvulcania2015-866_80 Denn 11.42 h waren bis dahin schon vergangen. Mit einer halben Stunde Vorsprung lag ich in meiner Klasse immer noch auf dem zweiten Platz. Doch es sollte noch schlimmer kommen. War das sandige Flussbett anfangs noch erträglich, kam bald der große Schock. Nämlich genau in dem Moment als ich sah wo ich noch hin musste. So kurz vor dem Ziel in dem Zustand noch 300 Höhenmeter zu absolvieren erschien mir einfach unmöglich. Ich war der Verzweiflung nahe, denn es war kein Fünkchen Energie mehr in mir. Doch wer gibt drei Kilometer vor dem Ziel auf? Ich wollte das nicht. Doch vorwärts ging auch nicht. Drei Schritte quälen, stehen bleiben, in der prallen Sonne auf einen Stein sitzen, weitere Schritte quälen…dann wieder mehrere Minuten nicht vom Fleck. Verzweiflung. Und doch oben angekommen. Von dort war es noch ein Km bis ins Ziel und auch die begeisterten Zuschauer konnten mich nicht animieren noch einen Schritt im Lauftempo zu machen. Und so ging ich bis zur Ziellinie. Mehr als 1 1/2 Stunden hatte ich für die letzten 4,7 km gebraucht! Die letzten 22 km 5:18 h! Nach 13:18 h im Ziel nicht mehr in der Lage die Schuhbändel zu öffnen.transvulcania2015-866_90 Dies wurde mir Gott sei Dank von einem freundlichen Helfer abgenommen, der mir auch mein Finishertrikot überreichte. Es war der längste Lauf meines Lebens und er war noch nicht zu Ende. Denn der Weg zum Auto war auch nicht gerade einfach. In meiner Unterkunft angekommen übergab ich mich ein weiteres Mal. Die Siegerehrung mit meinem dritten Rang bei den Platinos musste ohne mich über die Bühne gehen….trotzdem hab ich in dieser Nacht wunderbar geschlafen.

 

 

5 Gedanken zu „Der längste Ultra meines Lebens… Transvulcania 2015“

    1. Danke Magnus! Natürlich hoffe ich, dass ich auch wieder mal ein Rennen laufen kann mit dem ich am Ende zufrieden bin und das Gefühl habe…super, das hat gepasst heute. 🙂

  1. Schöner Bericht, ja die TransVulcania ist gnadenlos! Trotzdem sehr cool das Du gefinisht hast, trotz der Probleme! TOP! Ich denke wir werden uns wieder sehen auf LaPalma 😉
    lg aus dem Salzburgerland
    Wu

  2. Keine Ahnung ob ich diesen Lauf nochmal machen werde, wahrscheinlich eher nicht. Es war eine einzige Qual, am meisten machte mir der Staub und Sand in Zusammenhang mit meinen Kontaktlinsen zu schaffen.
    Vom Downhill und der Schlussetappe im trockenen Flussbett möchte ich gar nicht reden ….

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